Schriftgröße

Schwebender Springteufel

Von SASCHA WOLTERSDORF, 24.07.06, 18:49h

Die Rolling Stones sind eben ein Spaß. Wie anders könnte man diese Band zusammenfassen, die seit mehr als 20 Jahren die regelmäßige Welttour als Lebenszeichen für sich entdeckt hat.

Bild: dpa
Bild vergrößern
Frontsänger Mick Jagger, Schlagzeuger Charlie Watts und Gitarrist Keith Richards.
Bild: dpa
Bild verkleinern
Frontsänger Mick Jagger, Schlagzeuger Charlie Watts und Gitarrist Keith Richards.
KÖLN. Es musste ja so kommen: Die Palme war im Stadion. Irgendeiner der 38 000 Rolling Stones-Fans im RheinEnergie-Stadion hatte am Sonntagabend eine aufblasbare Version der Cocos nucifera mitgebracht. Von so einem Baum war Gitarrist Keith Richards kürzlich gefallen -- und zwar auf seinen nicht minder harten Charakter-Dickschädel. Die Folgen sind bekannt: Operation im neuseeländischen Auckland, ein paar Tourtermine mussten verschoben werden.

Ist unter diesen Umständen ein Wedeln mit der Gummipalme direkt vor der Bühne nicht respektlos? Einmal zum Vergleich angenommen, dass Madonna, zu deren Hobbys Reiten gehören soll, nächste Woche vom Pferderücken fiele. Bringen die Fans dann Schaukelpferdchen zum Konzert mit? Wohl kaum. Aber bei den Stones geht das. Selbst cool Keef macht Witzchen über seine Kokos-Affäre. Nach der OP habe er sich „rolling stoned“ gefühlt. Haha. Die Rolling Stones sind eben ein Spaß. Und nicht nur „Jumpin' Jack Flash“, mit dem das zweistündige Konzert begann, sondern auch die folgenden „It's only Rock'n'Roll“ und „Oh no, not you again" können als Beleg dienen. Ins Deutsche übersetzt, liest sich das nämlich so: Hampelmann-Blitz. Es ist nur Rock'n'roll, gefällt mir aber. Oh nein, nicht du schon wieder. Wie anders könnte man diese Band zusammenfassen, die mit ihrem überdrehten Springteufel als Frontmann vor inzwischen mehr als 30 Jahren den Stadionrock erfand und seit mehr als 20 Jahren die regelmäßige Welttour als unwiderlegbares Lebenszeichen für sich entdeckt hat.

Die „Bigger Bang“-Tour mit ihrem Bühnenbild, dessen Aufbauten rechts und links an die Auffahrt zu einem Parkhaus erinnern, bot selbstverständlich auch Neues. Es wurde sogar spektakulär, als die vier Rest-Stones Mick Jagger (62), Keith Richards (62), Charlie Watts (65) und Ron Wood (59) auf einem kleinen abkoppelbaren Bühnenteil quer durchs Stadion schwebten - und zwar knapp über den Köpfen der Fans im Innenraum. Von der Seite sah es aus, als würden Band und Bühne auf Händen getragen. Weniger spektakulär klangen dagegen die neuen Songs. Widerstandslos verhallte die mit Akustikgitarren gespielte Ballade „Streets Of Love“ zwischen den Tribünen. Und das als Rocker gedachte „Rough Justice“ geriet zur belanglosen Selbstsimulation. Aber was macht das schon, wenn Klassiker wie „Miss you“ oder „Get off of my Cloud“ jederzeit abschussbereit im Repertoire liegen und begeistert gefeiert werden. „Honky Tonk Woman“ läutete die Rückkehr zur großen Bühne ein, über der inzwischen diese eindeutig doppeldeutig an Mick Jaggers Maul erinnernde große Stones-Zunge herumschlabberte.

Bei „Sympathy for the Devil“ versank alles in maliziösem Rot, und „Mick the Mouth“ hatte seinen großen Auftritt als verführerisch-eleganter Luzifer in Weste und Zylinder. Es ist seine Lieblingsrolle, wahrscheinlich weil sie Wohlstand und Geschmack mit dieser dunklen Mischung aus Sex und Gewalt verbindet, die auf immer und ewig im Rock'n'Roll stecken wird. Das war großes Theater. Und dafür wird Jagger bewundert. Der andere, Keith, wird geliebt. Da kann sich der große alte Mann mit der Gitarre noch so oft im eigenen Genudel verheddern oder mit seinen dünnen Beinchen so tief in die Knie gehen, dass man befürchten muss, er kommt nicht wieder hoch. Nur der Vollständigkeit halber: Am Sonntagabend im RheinEnergie-Stadion ist er jedes Mal wieder aufgestanden. Bei dem 62-Jährigen mit dem hinters Stirnband geklemmten Zottelhaar ist es wohl die Mischung aus alter Rocker-Würde und Selbstironie, die ihn so liebenswürdig macht.

Apropos Selbstironie: Im dritten Teil von „Fluch der Karibik“ soll Keith nun endlich an der Seite von Johnny Depp den Piraten-Vater spielen. Und wetten, dass es mindestens eine Szene geben wird, in der eine Kokospalme vorkommt?



Die Kölnische Rundschau im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Extra


Rundschau-Livekonzert


Anzeige



Extra


Rundschau-Forum


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Videonews Kultur


Rundschau-Service


RHEINLAND WETTER


Ihre Top-Artikel


Extra


Dienste